Artikel: Wildblumen statt Mais

Artikel aus Financial Times Deutschland vom 08.04.2012:

Mix statt Monokultur Mais soll alternativen Energiepflanzen weichen
Wildblumen, Rüben und Roggen statt den ewig gleichen Maisfeldern: Experten fordern mehr Vielfalt bei Energiepflanzen. Nicht nur den Bienen zuliebe – die neuen Ideen sind auch was für’s Auge. Von Bernward Janzing

Ministerialdirektor Wolfgang Reimer ist ein Freund von Biogas. Aber er sorgt sich auch um die Bienen, schon aus rein ökonomischen Gründen: „Die Bestäubungsleistung durch die Bienen in Deutschland kann jährlich mit 2,6 bis 3 Mrd. Euro veranschlagt werden.“ Der Mann aus dem Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz fordert mehr Pflanzenvielfalt bei der Erzeugung von Biogas. Man müsse wegkommen von der „Vermaisung“ der Landschaft. Reimers Worte haben Gewicht. Er stammt von einem landwirtschaftlichen Betrieb in Hohenlohe, kennt sich also bestens aus in diesem Metier.

Denn der Mais ist allenthalben in Verruf geraten. Imker warnen schon: „Für Bienen ist der Mais wie eine Wüste, er wird von den Bienen nicht beflogen“, sagt Bernd Möller, Kreisvorsitzender der Imker im Schwarzwald-Baar-Kreis. Und zudem werde der Mais stark gedüngt und gespritzt.

Was also ist zu tun? Schließlich ist das Biogas eine wichtige Komponente beim Ausbau der heimischen erneuerbaren Energien. Vor allem auch, weil das Gas aus der Biomassevergärung – anders als Sonnenenergie und Wind – ein direkt speicherbarer Energieträger ist. Biogasanlagen könnten in Zukunft jeweils dann laufen, wenn Sonne und Wind schwächeln, und damit das Stromnetz stabilisieren. Eine ideale Energie also – wäre da nicht die Kehrseite, dass Biogasanlagen zuletzt immer mehr Maisfelder schufen. Das liegt daran, dass Mais energetisch gesehen eine hervorragende Pflanze ist, er bringt hohe Masseerträge pro Hektar und zudem lässt er sich gut vergären, was zu einer hohen Gasausbeute führt. „Gegen den Mais haben es alle anderen Pflanzen bislang schwer“, sagt Stefan Rauh, Referatsleiter Landwirtschaft beim Fachverband Biogas.

Gleichwohl suchen Biogasbetreiber und Pflanzenzüchter nach neuen Kulturen, um mehr Vielfalt auf die Äcker zu bringen: „Es gibt vielversprechende Ansätze“, sagt Rauh. Allerdings reifen sie erst allmählich, weil die Biogasentwicklung noch jung ist, und die Züchtung von neuen Sorten in der Regel acht bis 15 Jahre braucht.

Eine Option ist die Rübe, die so viel Trockensubstanz enthält, dass sie den Energieertrag des Maises gar überbieten kann. Aber die Züchtung hinkt eben einige Jahre hinterher. „Wir züchten Energiemais seit 2002, die Energierübe seit 2008“, sagt Raoul Buschmann von der KWS Saat im niedersächsischen Einbeck. Die Züchtung der Rübe erfolge mit dem Ziel, die Trockensubstanz zu maximieren; im Unterschied dazu schaut man bei der Rübe für die Zuckergewinnung vor allem auf die Saftqualität.
Eine interessante Frucht ist außerdem die Sorghumhirse. KWS arbeitet seit 2007 daran, Sorghum zur ertragreichen Energiepflanze zu entwickeln. Dafür erhöhen die Züchter den Anteil der Trockensubstanz. Die Gattung aus der Familie der Süßgräser ist ursprünglich in Ostafrika zu Hause, sie kommt folglich mit wenig Wasser aus. Sie nutzt die Nährstoffe sehr effizient, und stellt wenig Ansprüche an den Boden. „An trockenen Standorten kann Sorghum den Mais beim Energieertrag übertreffen, an feuchten ist Mais einfach besser“, sagt Zuchtexperte Buschmann.

Unter den heimischen Getreidearten weckt der Roggen das Interesse der Züchter. Denn er ist anspruchsloser als die übrigen Körnersorten. Aber auch hier stehen die Züchter noch am Anfang: „Man hatte in der Vergangenheit immer nur die Qualität des Getreides im Auge“, sagt Joachim Eder vom Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung in Freising. Erst in den vergangenen Jahren rückte parallel die Gesamtpflanze für die energetische Nutzung ins Blickfeld.

So hat auch KWS damit begonnen, den Energieroggen zu entwickeln. Attraktiv sei dieser auch deshalb, weil er als Winterroggen gut in der Fruchtfolge eingesetzt werden kann. Und vorteilhaft sei er zudem aus ökologischer Sicht, weil man ihm problemlos auch Leguminosen oder Wicken beimischen kann – um die Artenvielfalt auf den Äckern zu erhöhen.

Briketts aus Blumen

Der Schwarzwälder Imker Möller bringt unterdessen auch noch die durchwachsene Silphie ins Spiel. Die werde von den Bienen beflogen und bringe gleiche Biomasseerträge wie der Mais. Nur sei diese noch nicht so etabliert: „Die Landwirte bauen eben am liebsten die Pflanzen an, die sie kennen“, sagt Möller.
Unterdessen sieht der Freisinger Pflanzenzuchtexperte Eder in Wildpflanzenmischungen einen neuen Hoffnungsträger: „Wir arbeiten intensiv daran.“ Die ersten Ergebnisse des deutschlandweiten Versuchs „Energie aus Wildpflanzen“ der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) liegen nun vor – und der Ertrag stimmt. Der Anbau lasse sich zudem gut in die landwirtschaftliche Produktion integrieren und sei mit der herkömmlichen Technik zu meistern. Weiterer ökologischer Pluspunkt: Wer mehrjährige Pflanzen einsetzt, kann außerhalb der Nist- und Aufzuchtzeiten der Tiere ernten.

In ihrem Versuch hat die LWG Wildpflanzenmischungen aus Rainfarn, Flockenblumen und verschiedenen Malven- und Kleesorten eingesetzt. Die hohe Artenvielfalt bei den Pflanzen habe „bei fast allen Tiergruppen höhere Artenzahlen als auf dem Vergleichsstandort Maisacker“ zur Folge, sagt Forscherin Birgit Vollrath. So könne der Energieacker zugleich zum „Nahrungs- und Reproduktionshabitat“ für Blütenbesucher, Vögel und Fledermäuse werden. Fazit der Wissenschaftlerin: „Die ersten Ergebnisse bestätigen den großen Wert für die Tierwelt und die Leistungsfähigkeit von Wildkräuteransaaten zur Biogasgewinnung.“

Hinzu kommt ein weiterer positiver Aspekt: Die Felder mit Wildblumen sehen einfach wunderschön aus. Für die Biogasbranche ist das inzwischen ein sehr wichtiger Gesichtspunkt. Denn das Renommee der Energie vom Acker hat wegen Hektaren von Maismonokulturen empfindlich gelitten. Für Verbandsvertreter Rauh ist daher längst klar: „Energiepflanzen müssen Akzeptanz finden.“ Und das wird wohl keine Kultur besser schaffen als eine bunte Blumenwiese.“

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