Artikel: „Wider die „gute fachliche Praxis““

Artikel aus den Potsdamer Neueste Nachrichten zur Konferenz “Vielfalt statt Monokulturen – Auswege für Brandenburg aus der Krise der Biomassenutzung”. Zur Internetseite der Zeitung mit diesem Artikel.

 

Mais-Anbau Wider die „gute fachliche Praxis“
von Matthias Matern

Vermaisung in Brandenburg. Derzeit steht Mais auf etwa 190 000 Hektar der vorhandenen Getreideanbaufläche in der Mark. Das sind etwa 35 Prozent. Naturschützer und Brandenburgs Grüne fordern strengere Regeln für den Anbau.

Der Anbau von Energie-Mais hat enorm zugelegt – mit negativen Folgen für die Umwelt, meinen Naturschützer und fordern strengere Regeln

Potsdam – Naturschützer und Brandenburgs Grüne fordern strengere Regeln für den Anbau von Mais zur Energiegewinnung. Durch die zunehmenden Vermaisung der Landschaft würden die Artenvielfalt bedroht und Ackerböden übermäßig strapaziert, kritisiert die Agrarexpertin der Grünen-Fraktion im Landtag, Sabine Niels. Der Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND), Axel Kruschat, wirft der rot-roten Landesregierung dabei Versäumnisse vor. Mit der Überarbeitung des Landesnaturschutzgesetzes böte sich derzeit die Gelegenheit, wichtige Vorgaben festzuschreiben. „Die Landesregierung kennt die Probleme beim Anbau von Energiemais, ist aber offenbar nicht willig, Konsequenzen zu ziehen“, sagt Kruschat.

Dringend erforderlich ist aus Sicht von Niels und Kruschat eine klare Definition der sogenannten „guten fachlichen Praxis“ im Gesetz. Bislang werde den Landwirten durch diese schwammige Formulierung bei der Bewirtschaftung ihrer Flächen weitgehend freie Hand gelassen, erläutert Kruschat. Doch gerade beim Anbau von Mais würden häufig Grundsätze der Landwirtschaft wie die Fruchtfolge missachtet. „Es gibt Flächen, auf denen fünf Jahre in Folge nur Mais angebaut wird“, berichtet der BUND-Landeschef. Die Folge seien ausgelaugte Böden und eine hohe Erosionsgefahr. Auch würden häufig enorme Mengen von Totalherbiziden eingesetzt und somit Lebensräume für Insekten und andere Tier- und Pflanzenarten vernichtet. „Diese Gifte gelangen auch ins Grundwasser, wie der Fall in der Uckermark zeigt.“ Wie berichtet hatten Anwohner in Stabeshöhe im vergangenen Jahr Proben eines Tümpels in einem Maisfeld untersuchen lassen. Dabei wurden bei einigen Stoffen eine erhebliche Überschreitung der Grenzwerte festgestellt und sogar verbotene Pflanzengifte gefunden. Deshalb ist Kruschat der Meinung, die Einhaltung der Fruchtfolge oder etwa regelmäßige Kontrollen der Humusschicht auf den Äckern müssten in der Novelle des brandenburgischen Naturschutzgesetzes als „gute fachliche Praxis“ festgeschrieben werden. Zumal davon auszugehen sei, dass die Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen weiter steige, meint Axel Kruschat. Das überarbeitete Naturschutzgesetz wurde im November 2011 vom Kabinett verabschiedet und im Dezember erstmals im Landtag diskutiert. Eine Entscheidung steht noch aus. Die Grünen-Fraktion will bald eigene Vorschläge für strengere Regeln vorlegen.

Zumindest in den vergangenen Jahren hat der Mais-Anbau in Brandenburg deutlich zugenommen. Derzeit steht auf etwa 190 000 Hektar Mais. Das sind etwa 35 Prozent der vorhandenen Getreideanbaufläche. Noch 2011 wurde nur auf 167 000 Hektar Mais angebaut. Im Jahr davor waren es noch acht Prozent weniger. Nach Schätzungen von Experten werden etwa 30 Prozent des Mais energetischen genutzt. Auffällig ist die hohe Konzentration der Plantagen im unmittelbaren Umfeld großer Biogasanlagen. Auch deren Zahl hat deutlich zugenommen: 2005 waren es 34, heute gibt es landesweit etwa 280. Angaben des Fachverband Biogas Berlin-Brandenburg wird nur rund ein Drittel von den Landwirten selbst betrieben. Der größte Teil ist in der Hand von Fondsgesellschaften. Allein 51 landwirtschaftsfremde Investoren seien landesweit aktiv.

Für die Landesregierung ist die Biomassenutzung ein wichtiger Baustein ihrer Energiestrategie. Elf Prozent der Energie sollen bis 2030 aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden. Günter Hälsig, Abteilungsleiter im Umweltministerium, aber teilt die fachliche Meinung von Naturschützer Kruschat in vielen Punkten. „Es gibt eine Vermaisung der Landschaft vor allem nahe großer Biogasanlagen und der Anbau von Mais in Monokulturen beeinflusst die Artenvielfalt negativ“, sagt auch Hälsig. Ob jedoch eine klare Definition der „guten fachlichen Praxis“ hilft, bezweifelt er. Dies sei zwar möglich, hänge aber vom politischen Willen ab. Die Frage nach den dann erforderlichen Kontrollen und möglichen Sanktionen seien damit jedoch noch nicht geklärt.

 

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