Der Spiegel: „Insektizide belasten Gewässer an deutschen Äckern“

„Die Messwerte hätten in manchen Fällen die prognostizierten Mengen um das Zehn- bis
Tausendfache überschritten.“

Hier der komplette Text:

Spiegel 07. August 2012

Insektizide belasten Gewässer an deutschen Äckern – Von Christian Gruber

Forscher haben Gewässer an deutschen Äckern auf Insektizide geprüft – und melden
erschreckende Befunde. Die Giftbelastung liegt teilweise um ein Vielfaches über den
vorausberechneten Werten. Dabei wurde das Zulassungsverfahren erst vor drei Jahren
eingeführt.

Insektenvernichtungsmittel sind in der Landwirtschaft weit verbreitet – und äußerst toxisch.
Gelangen größere Mengen zum Beispiel durch Regen in Flüsse und Seen, können sie Tiere
absterben lassen und auch für Menschen zur Gefahr werden. Erst 2009 haben die EU und
Deutschland eine neue Vorschrift erlassen, wie und in welcher Dosierung neue Insektizide
aufgebracht werden müssen. Vor der Markteinführung werden Laborergebnisse und
Freilanderhebungen mit Hilfe eines mathematischen Modells verrechnet; am Ende steht eine
Prognose über die erwartete Insektizidbelastung.

Doch jetzt stellt sich heraus, dass das Verfahren möglicherweise nichts taugt. Das zumindest legt
eine aktuelle Studie der Universität Koblenz-Landau nahe, die demnächst in der Fachzeitschrift
„Environmental Science & Technology“ erscheint.

Das Forscherteam um den Umweltwissenschaftler Ralf Schulz verglich in 122 Fällen die
Insektizidmenge, die in Gewässern um die Äcker herum tatsächlich gemessen wurde, mit den
Werten, die im Zulassungsverfahren vorhergesagt worden waren. „Das Ergebnis ist
besorgniserregend“, sagt Schulz zu SPIEGEL ONLINE. „In bis zu vier von zehn Fällen ist die
tatsächliche Belastung der Gewässer höher als vorausberechnet. Bei neuen Insektiziden liegt
diese Quote sogar darüber.“

Die Messwerte hätten in manchen Fällen die prognostizierten Mengen um das Zehn- bis
Tausendfache überschritten. „Das Modell hat nichts mit der Realität zu tun“, sagt Schulz. „Die
bisherigen Validierungen sind nicht imstande, das Ganze richtig zu bewerten.“ Wie groß die
Gesundheitsgefahr genau ist, lasse sich allerdings nur schwer sagen. Denn anders als für
Trinkwasser gibt es für Oberflächengewässer laut Schulz keine Insektizid-Grenzwerte.
Keine ausreichenden Kontrollen

Die überhöhten Konzentrationen, die jetzt in der Umwelt gemessen wurden, könnten neben
fehlerhaften Berechnungen noch andere Gründe haben, vermuten die Landauer
Umweltwissenschaftler: Landwirte halten möglicherweise die Vorschriften beim Ausbringen nicht
ein, oder die Gebrauchsanweisungen der Hersteller sind zu ungenau. Würden die Bauern etwa
durch Hecken gezwungen, breite Randstreifen um die Felder herum vom Anbau und damit auch
von Spritzmitteln freizuhalten, könnte das die giftigen Substanzen von den Gewässern fernhalten.
„Derzeit kann aber so gut wie nicht kontrolliert werden, ob der Landwirt die
Gewässerschutzvorgaben tatsächlich einhält“, meint Schulz.

Höhere Konzentrationen als vorhergesagt haben die Landauer Forscher etwa bei den Insektiziden
Chlorpyrifos, Cypermethrin und Fenvalerate gefunden. „Die Industrie muss ihrer Verantwortung
für einen vorsorgenden Umweltschutz gerecht werden“, fordert Schulz. „In jedem Fall brauchen
wir auch in Deutschland mehr unabhängig gewonnene Daten zur Belastung von Gewässern mit
Pflanzenschutzmitteln.“

Bis die Ursachen eindeutig geklärt sind, sollten beim Zulassungsverfahren die derzeit gültigen
Werte für die vorhergesagten Insektizid-Konzentrationen vorsichtshalber um das Zehnfache
erhöht werden, um bei den Prognosen einen Sicherheitspuffer nach oben zu haben und um damit
die Gewässer zu schützen, schlagen Schulz und seine Kollegen vor. Außerdem könne man einen
nicht landwirtschaftlich genutzten Randstreifen von fünf bis zehn Metern Breite zwischen
Ackerfläche und Gewässer vorschreiben.

Damit machen sich die Wissenschaftler genau für das stark, worauf man in Deutschland bei der
Überarbeitung des Pflanzenschutzgesetzes im Jahr 2011 verzichtet hatte.

Link zum Spiegel-Artikel.

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